Universitätsbibliothek

45 Jahre Positivismusstreit

Ausstellung vom 11.8.-27.10.2006

Den Sozialwissenschaften waren nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern eine Rolle bei der re-education zugedacht worden: sie sollten helfen, demokratische Werte zu propagieren und im Bewußtsein der Bevölkerung zu verankern. Dazu wurden insbesondere die empirischen Sozialwissenschaften gefördert. Dieses Vorhaben traf aber wie andere auch auf die Personalkontinuität der nach dem Krieg rasch wieder eröffneten Universitäten. Auch in den Sozialwissenschaften waren die Professoren, die sich mit den Nationalsozialisten arrangiert hatten, wenig bereit, sowohl ihre eigene Vergangenheit zu durchleuchten wie sich am Aufbau der Soziologie in der Form, wie sie den Besatzungsmächten vorschwebte, zu beteiligen. Ihnen lag vielmehr Georg Simmels Soziologie immer noch näher als das Ziehen von Stichproben; sie blieben der geisteswissenschaftlichen Tradition verhaftet und forschten praxisfern und nicht gegenwartsbezogen. Der Soziologie dieser frühen Jahre ist daher der Vorwurf des „Phantomfachs“ gemacht worden, das diffus und unprofiliert ein Schattendasein führte, Möglichkeiten eines Vollstudiums der Soziologie gab es kaum. Erst im Fortschreiten der Fünfziger Jahre bildeten sich mit Köln um René König, Münster mit Helmut Schelsky und Frankfurt/M. mit dem Institut für Sozialforschung Zentren soziologischer Forschung heraus und mit Plessner als neuem Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wandelte sich auch diese von einer Honoratiorenvereinigung zu einem offeneren akademischen Club, dem auch jüngere Gelehrte angehörten. Damit brachen auch immer stärker Konflikte über Rolle, Selbstverständnis und Methodik der Soziologie auf, vorangetrieben von aufstrebenden Forschern wie Ralf Dahrendorf, die die deutsche Soziologie anbinden wollten an den internationalen Diskurs.

Vom 19.-21.10.1961 fand am frisch gegründeten Tübinger Institut für Soziologie eine Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zum Thema Die Logik der Sozialwissenschaften statt. Dahrendorf als Gründungsdirektor des Instituts hoffte, durch eine Erörterung der wissenschaftstheoretischen Grundlagen des Faches die nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch politischen und moralischen Kontroversen in der Soziologie offen ans Tageslicht zu heben. Darin sah er sich wenigstens teilweise getäuscht: der wissenschaftliche Ertrag der Debatte blieb erstaunlich gering. Dagegen gingen die in der Folge teilweise hitzigen Debatten zwischen Vertretern der Kritischen Theorie mit Adorno und Habermas auf der einen Seite und denen des Kritischen Rationalismus mit Popper und Albert auf der anderen als der „Positivismusstreit“ oder auch „zweiter Methodenstreit“ in die Soziologiegeschichte ein. Der Streit wurde nie wirklich gelöst oder beigelegt, er hat sich eher überlebt und das Wortgefecht ist einer mehr pragmatischen Sicht sowie neueren Theoriemodellen gewichen. Doch die darunter liegenden Fragen, die Dahrendorf bewogen, die Tagung einzuberufen, sind immer noch aktuell: Welches Verhältnis hat die Soziologie zu ihrem Gegenstand? Gelten die gleichen Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit wie in anderen Disziplinen oder muss eine andere „Logik“ beachtet werden, da Forschende und Forschungsobjekt miteinander verwoben sind? Darf die Soziologie nur beschreibend festhalten, was gesellschaftlich der Fall ist, oder soll sie auch wertend vorgehen?

Auf Anregung der Studierenden wurde daher in einem studentischen Projekt im Rahmen des vom vom sozialwissenschaftlichen Fachreferenten der UB, Dr. Renke Siems, angebotenen Proseminar Elementare Übungen zur Soziologie diese Debatte rekonstruiert und zu einer Ausstellung aufgearbeitet.