Der Wiener Dioskurides

Ihren Namen erhielt diese pharmakologisch-zoologische Sammelhandschrift zum einen durch ihren heutigen Aufbewahrungsort, der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, und zum anderen von Dioskurides Pedanios. Er war einer der bekanntesten Ärzte der Antike und Verfasser des wichtigsten und einflussreichsten Werkes auf dem Gebiet der Heilpflanzenkunde von der Antike bis ins 16. Jahrhundert: „De materia medica“ aus dem Jahr 78 n. Chr., dem Buch der „Arzneimittellehre“.

Autorenbild (4v): Heuresis, die Personifikation des geglückten Fundes, hält Dioskurides eine Mandragorawurzel entgegen, zu ihren Füßen ein verendender Hund.

 

Gemäß dem Aberglauben um die Zauberkraft der Wurzel stirbt derjenige, der die Wurzel ausgräbt, so dass dafür ein Hund verwendet wurde.

 

Die Mandragora wurde als Anästhetikum bei Operationen eingesetzt.

Auf den Texten dieser im Übrigen nicht illustrierten Handschrift basiert der größte Teil unseres kunstvoll ausgestatteten „Wiener Dioskurides“, von dem sich ein Faksimile in der Universitätsbibliothek Tübingen befindet. Angefertigt wurde das griechische Original in Konstantinopel um 512 n. Chr. als Geschenk für die kaiserliche Prinzessin Juliana Anikia. Als wohlhabende und theologisch sowie wissenschaftlich interessierte Frau stiftete sie einem Stadtteil von Konstantinopel eine Marienkirche und erhielt zum Dank dafür von den Bürgern und Zünften des Stadtteils den wertvollen Codex.


Die Grundlage für die Malereien im Herbarium des Dioskurides ist das erste illustrierte Kräuterbuch überhaupt, das „Herbarium des Krateuas“ aus dem 1. Jh. v. Chr. Somit ist der „Wiener Dioskurides“ nicht nur für die Geschichte der antiken Naturwissenschaften von Bedeutung sondern durch seine zahlreichen Illustrationen auch für die byzantinische Kunst- und Kulturgeschichte.


In unserer Sammelhandschrift bilden die 383 beschriebenen und gemalten Heilpflanzen aus „De materia medica“ und dem „Herbarium des Krateus“ den umfassendsten Teil. Vor diesem Hauptteil finden sich mehrere figürliche Miniaturmalereien, u.a. ein Autorenbild mit der Darstellung des Arztes Dioskurides mit der Zauberpflanze Mandragora (Alraune) ebenso wie ein Widmungsbild für Prinzessin Juliana Anikia. Nach dem Herbarium folgen einige Anhänge, darunter vier Paraphrasen mit 66 Illustrationen „giftiger“ Tiere und über 40 Vogelbilder.


Ob Prinzessin Juliana Anikia die Handschrift in ihrer Familie weitervererbte oder einer Bibliothek stiftete, ist unbekannt. Jedoch war der Codex immer als pharmakologisches Handbuch in Gebrauch wie an den vielen Eintragungen und Transkriptionen, sowie an Abschriften, die von der Handschrift gemacht wurden, zu erkennen ist. Im Jahr 1406 wurde die Handschrift durch den Patriarchatsnotar Johannes Chortasmenos umfassend restauriert, 1453 fiel sie als Beutegut in die Hände der Türken - zahlreiche türkische Umschriften der Pflanzennamen belegen den Gebrauch durch orientalische Ärzte. Im 16. Jahrhundert gelangte die Handschrift in jüdischen Besitz bis sie schließlich 1569 für 100 Golddukaten an Kaiser Maximilian II. verkauft und in den Bestand der Wiener Hofbibliothek aufgenommen wurde.
In den Jahren 1960-1965 wurde die Handschrift aufwändig restauriert und bei dieser Gelegenheit eine Faksimileausgabe angefertigt. Seit 1997 zählt die Prachthandschrift zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.


Der Wiener Dioskurides. Graz, 1970. Signatur: 6 C 2 - Faksimile und Kommentarband.

Beifuß (20r): Zur Verwendung von Sitzbädern und gynäkologischen Behandlungen.
Salamander (423r): Dem antiken Aberglauben gemäß wurde der Salamander nicht vom Feuer vernichtet und konnte mit seiner Kälte Flammen zum Erlöschen bringen.

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