Die "Weltchronik" des Johannes Nauclerus

Vor genau 500 Jahren erschien die berühmte lateinische Weltchronik („Memorabilivm Omnis Aetatis Et Omnivm Gentivm Chronici Commentarii“) des Johannes Nauclerus in Tübingen bei dem Buchdrucker Thomas Anshelm. Anshelm war als zweiter Tübinger Buchdrucker nach Johann Otmar seit 1511 hier ansässig und arbeitete eng mit dem Humanisten Johannes Reuchlin zusammen.

 

 

 

Johannes Vergenhans (latinisiert nannte er sich Nauclerus, 1425-1510) stammte aus Justingen. Er war nicht nur Lehrer und Berater des württembergischen Grafen Eberhard im Bart, er wirkte auch maßgeblich mit bei der Gründung der Universität Tübingen im Jahre 1477, amtierte als ihr erster Rektor und war von 1483 bis 1509 Propstkanzler. Als Professor beschäftigte er sich vor allem mit dem Kirchenrecht. In Tübingen ist die Nauklerstraße nach ihm benannt, ein Speisesaal der Mensa Wilhelmstraße trägt den Namen „Vergenhans“.

 

Die bedeutendste Veröffentlichung Nauklers ist seine zwischen 1498 und 1504 entstandene Weltgeschichte (Weltchronik), die einen wichtigen Markstein in der Entwicklung der neuzeitlichen Geschichtsschreibung darstellt. Naukler, der zutiefst vom Humanismus geprägt war, entwickelte eine neue Forschungsmethode, bei der er Primärquellen und die Quellenüberlieferung kritisch überprüfte. Das umfangreiche Werk, von dem 1579, 1614 und 1675 weitere Ausgaben erschienen, kam erst nach dem Tod des Verfassers heraus. Es wurde von Nicolaus Basellius herausgegeben, einem Mönch im Kloster Hirsau, der das bis 1500 reichende Werk bis zum Jahr 1513 fortführte. Oft wurde behauptet, dass der junge Philipp Melanchthon während seines Aufenthalts in Tübingen als Korrektor an Nauklers Chronik mitgearbeitet habe. Eine solche Mitwirkung Melanchthons, der einige Zeit als Korrektur für Anshelm arbeitete, ist jedoch quellenmäßig für dieses Werk nicht glaubwürdig belegt. An der Finanzierung des Drucks beteiligten sich drei Tübinger Bürger, darunter der Vogt Konrad Breuning, der durch seine Teilnahme an den Verhandlungen über den Tübinger Vertrag (1514) bekannt wurde.

 

  

 

Neben einem Vorwort Johannes Reuchlins enthält das Buch ein Glückwunschschreiben des Erasmus von Rotterdam, der Anshelm für diesen Druck in den höchsten Tönen lobt. Das Titelblatt ist mit einem großen Wappen illustriert. Im Text findet man schön gestaltete Initialen in rotem Druck. Der Bibliothekar und Buchhistoriker Karl Steiff  bezeichnete diesen Druck als „die bedeutendste Leistung der Tübinger Presse in der ganzen Periode”.

 

Von der Erstausgabe der Weltchronik besitzt die UB Tübingen vier Exemplare (Signatur: Fn 12.2). Ein Exemplar war das Handexemplar des Tübinger Mediziners und Botanikers Leonhard Fuchs.

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