Rabindranath Tagore 1861-1941

10. Mini-Ausstellung vom 29.6.-31.10.2006

 

 

Dem großen indischen Dichter, Rabindranath Tagore, Literaturnobelpreisträger von 1913 , ist unsere 10. Mini-Ausstellung gewidmet. Auf drei Stellwänden und in drei Vitrinen werden die wichtigsten Stationen seines langen und ereignisreichen Lebens beschrieben und exemplarisch dargestellt.

 

In Stichworten zieht sich sein Lebenslauf über zwei Posterwände, ein drittes Plakat wurde als Fotowand gestaltet.

 

Einzelne Themen werden in kleinen Beiträgen näher erläutert, unter anderem zum literarischen Werk, zu seiner Philosophie und seinem Lebenswerk 'Santiniketan' und schließlich zu seiner Freundschaft mit Mahatma Gandhi.


Eine Vitrine wurde dem Werk 'Gitanjali', für das er den Literaturnobelpreis erhielt, gewidmet, eine andere zeigt die Verbindung mit und die Rezeption des Dichters in Deutschland, eine dritte geht auf das künstlerische und musikalische Schaffen ein.

 

Lebenslauf in Stichworten

1861Geboren am 7. Mai ( 25. Vaisakha 1268 Bengali Era) auf dem Familienbesitz "Jorasanko" in Kalkutta. Er ist das 14. Kind von Debendranath Tagore und Sarada Devi.

1865–1871
Besuch verschiedener Schulen ohne großen Erfolg, da er früh gegen zwanghafte Paukerei und drakonische Strafmethoden sowie gegen die auf England bezogenen Inhalte revoltiert. Seine eigentliche Bildung erhält er durch seinen Vater und durch Hauslehrer.
1873Besuch verschiedener Schulen ohne großen Erfolg, da er früh gegen zwanghafte Paukerei und drakonische Strafmethoden sowie gegen die auf England bezogenen Inhalte revoltiert. Seine eigentliche Bildung erhält er durch seinen Vater und durch Hauslehrer.
1874Sein Gedicht Abhilash erscheint in der Zeitschrift Tattvabodhini Patrika.
1875Erster öffentlicher Auftritt am 11. Februar. Er rezitiert ein patriotisches Gedicht bei einem hinduistischen Fest.
1878-1880Englandaufenthalt zusammen mit seinem Bruder Satyendranath; kehrt nach einem Jahr ohne Studienabschluss nach Indien zurück.
1881Erste (religiöse) Lieder anlässlich der Feierlichkeiten eines Jahrestages der 'Brahmo Samaj. Es erscheint auch sein erstes Singspiel Valmiki-Pratibha, das am Familiensitz Jorasanko in Kalkutta aufgeführt wird.
1883Heirat mit Mrinalini Devi. Zwischen 1886 und 1896 werden dem Paar fünf Kinder geboren.
1884Wird Sekretär der hinduistischen Reformbewegung ‚Adi Brahmo Samaj', die sein Vater Debendranath entscheidend mitgeprägt hat.
1885Herausgabe des Monatsmagazins Balak für Jugendliche.
1888Sein Sohn Rathindranath (1888-1961) wird geboren. Dieser wird in der Folge zum engsten Weggefährten, Vertreter und Nachfolger seines Vaters.
1890Übernimmt verantwortlich die Verwaltung des Tagore- Familienbesitzes (erwählt dafür Shilaidah als Wohnsitz).Attackiert öffentlich die anti-indische Politik von Lord Cross, dem 'Secretary of State for India'.
1891Die ersten sechs Kurzgeschichten, darunter Post Master, erscheinen.
1892Erste öffentliche Auseinandersetzung mit dem Erziehungssystem. Propagiert in seiner Schrift Sikshar Herpher Schulunterricht in der Muttersprache.
1898Beginnt mit ersten landwirtschaftlichen Experimenten auf den Familienbesitzungen. - Hält anlässlich der Verhaftung von Bal Gangadhar Tilak einen öffentlichen Vortrag mit dem Titel Kantha-Rodh (= die Geknebelten).
1899Leitet erstmals eine hinduistische Zeremonie im Tempel von Santiniketan mit einer Predigt zur Brahma-Upanishad.
1901Gründet eine Schule in Santiniketan, wo er eigene Erziehungs- und Bildungsideale verwirklichen will. Diese wird 1922 zur Universität 'Visva-Bharati' (Stimme der Welt) erweitert.
1902-1903Seine Frau Mrinalini Devi stirbt, 9 Monate später stirbt auch seine Tochter Renuka im Alter von 11 Jahren.
1905Engagiert sich in der „Swadeshi“-Bewegung. Agitation gegen die Teilung Bengalens. Wirbt – lange vor Gandhi - für eine Politik der konstruktiven Nicht-Kooperation mit den Briten. Als am 16. Oktober die Teilung beschlossen wird, führt er eine riesige Prozession durch die Straßen Kalkuttas an, die Banglar mati, Banglar jal singt.Er distanziert sich bald darauf von der Bewegung, bleibt ihr aber als wohlwollender Kritiker verbunden.
1906Schreibt eine Reihe von Artikeln zu pädagogischen Fragen und entwirft ein umfassendes Programm für die Arbeit eines 'National Council of Education'.
1907Sein jüngster Sohn Samindranath stirbt im Alter von 10 Jahren.
1908Beginnt mit der Hilfe von Kalimohan Ghosh Dorfentwicklungsprojekte zu organisieren,  zunächst auf den Familienbesitzungen.Distanziert sich von der Swadeshi-Bewegung, nachdem es zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen gekommen ist.
1910Der Roman Gora erscheint.
1912Die englische Version von Gitanjali wird von der India Society of London publiziert.
1913Macmillan druckt die englischen Übersetzungen von  Gitanjali, The Crescent Moon, The Gardener und Chitra.Am 13. November wird verkündet, dass Rabindranath Tagore den Nobelpreis für Literatur erhalten soll. Die Verleihung erfolgt am 10. Dezember, Tagore kann nicht dabei sein.
1915Wird vom englischen König George V. zum Ritter geschlagen. Gandhi kehrt aus Südafrika nach Indien zurück und besucht Santiniketan. Zwischen Tagore und Gandhi entsteht eine tiefe Freundschaft.
1918Sein erstgeborenes Kind, Tochter Madhurilata, stirbt im Alter von 32 Jahren. Von seinen fünf Kindern überleben ihn nur zwei.
1919Aus Protest gegen das Massaker an 400 Zivilisten in Amritsar durch die britische Armee gibt er in einem offenen Brief seinen Adelstitel zurück.
1922Mit der feierlichen Eröffnung des 'Rural Reconstruction Institute' (Sriniketan) erhält Santiniketan nun den Status einer Universität. Erster Direktor ist Leonard Knight Elmhirst (1893-1974). Die Universität ‘Visva-Bharati’ (Stimme der Welt) wird in der Folge zu einem Zentrum internationaler Begegnung und interkulturellen Lernens ausgebaut. Viele Fachwissenschaftler aus der ganzen Welt übernehmen Gastprofessuren.
1920-1930Zahlreiche, monatelange Vortragsreisen in Übersee
1930Eröffnet seine erste Ausstellung in Paris, die von Victoria Ocampo organisiert worden war. Weitere Ausstellungen mit seinen Gemälden folgen. Möchte nur noch als Dichter und Maler wahrgenommen werden, auch wenn er sich nach wie vor zu aktuellen politischen Fragen äußert. Es erscheint The Child, sein erstes und einziges Gedicht, das er direkt in Englisch verfasst. Es entstand in Deutschland nach einem Besuch der Oberammergauer Passionsfestspiele.
1932Sein einziger Enkelsohn, Sohn seiner Tochter Mira, stirbt im Alter von 20 Jahren.
1937Rabindranath wird ernsthaft krank, schreibt aber weiter Gedichte und Kurzgeschichten Seine Gedichtsammlung Prantik (Borderland) erscheint.
1940Erhält die Ehrendoktorwürde durch die Oxford University. Eine Delegation besucht dafür eigens seinen Wohnort in Santiniketan.
1941Sein letzter Vortrag Crisis in Civilisation wird anlässlich seines 80. Geburtstages verlesen. Er stirbt drei Monate später, am 7. August.

Das literarische Werk und seine Rezeption

 

Das schriftstellerische Werk Rabindranath Tagores ist riesig. Seit seinem 16 Lebensjahr hat er ununterbrochen publiziert, in der frühen Zeit vorwiegend Gedichte, kleine Dramen und Singspiele. Romane und Kurzgeschichten kamen hinzu. Die letzteren hatte es bis dahin in der bengalischen Literatur noch gar nicht gegeben. In einer kaum zu überschauenden Anzahl von Essays und nicht-literarischen Texten widmete er sich philosophischen, pädagogischen, sozialen, politischen und historischen Themen.

 

Ferner führte er eine umfangreiche Korrespondenz mit Geistesgrößen seiner Zeit. Seine Lieder gehören heute zum festen Bestandteil der bengalischen Kultur.


Englisch schrieb Rabindranath Tagore nur ausnahmsweise. Das einzige direkt auf Englisch geschriebene Gedicht "The Child" entstand 1930/31 in Deutschland nach dem Besuch der Oberammergauer Passionsspiele. Sonst waren es die Vorträge und Grußworte auf seinen vielen Reisen, die er auf Englisch schrieb. Übersetzungen seiner Werke ins Englische machte er anfangs selbst und ließ sie dann von seinen englischsprachigen Freunden durchsehen. Später übersetzten andere, mal mit, mal ohne Autorisierung.

 

Der Nobelpreis

„für die tiefgründende, hochgesinnte Natur, die Schönheit und Frische seiner Dichtung, die sein Genie so großartig im englischen Gewand in die Schöne Literatur des Abendlandes einzuverleiben verstand.“


Mit dieser Begründung wählte das Literaturkomitee  der Schwedischen Akademie der Schönen Künste Tagore als Träger des Literaturnobelpreises aus, der ihm am 10. Dezember 1913 verliehen wurde.


Tagores Gedichtsammlung „Gitanjali“ hatte in seiner englischen Übersetzung, die Tagore selbst vorgenommen hatte – unterstützt von William Butler Yeats – die Juroren davon überzeugt, im Sinne Alfred Nobels zu handeln: den Autor „des am deutlichsten idealistisch inspirierten Werkes der Literatur“ auszuzeichnen.


Weitere Kandidaten waren u.a. Peter Rosegger, Benito Pérez Galdos, Anatole France, Emile Faguet und Carl Spitteler. Englands Kandidat war Thomas Hardy. Verner von Heidenstam, Dichter und junges Akademiemitglied, verfasste ein Sondergutachten und unterbreitete es seinen Kollegen. Er plädierte für Tagore, der noch nicht jahrelang „durch alle Zeitungen gewandert ist“ und der mit seiner Sprache und seinen Gedanken ein Dichter von großer idealistischer Spannweite sei. Hiermit wurde auch die Kritik an den Wahlen der letzten Jahre wieder geweckt. Die Mitglieder der Akademie befassten sich mehr und mehr mit der Lektüre von „Gitanjali“, schließlich stimmten 12 von 15 Mitgliedern für Tagore.

 

Wirkung

Als das Nobelpreis-Komitee am 13.11.1913 bekannt gab, dass der Literatur-Nobelpreis an Rabindranath Tagore, den ersten Dichter nicht-europäischer Herkunft, gehen sollte, war dieser im Westen weitgehend unbekannt, denn bis zum Jahr 1912 waren seine Werke nur auf Bengali erschienen. Erst auf Bitten einiger Freunde übersetzte er  1912 auf der Schiffsreise nach Europa eine Auswahl seiner Gedichte ins Englische. Diese wurden in England gedruckt und eroberten die Herzen seiner englischen Künstler-Freunde um William Rothenstein und William Butler Yeats.


Die Reaktionen auf Rabindranath Tagore waren sehr unterschiedlich: teils gab es begeisterte, ja fast unheimlich enthusiastische Zustimmung, teils starke Ablehnung. Letztere bezog sich meist auf die Tatsache, dass ein Bürger aus einer fernen Kolonie Englands, dazu ein Hindu, einen Preis bekam, den man nur für Personen der "westlichen Zivilisation" bestimmt zu sein wähnte.

 

In der Folgezeit geriet Tagore als Dichter immer mehr in den Hintergrund und wurde von Freunden und Gegnern nur als der "Mystiker aus dem Osten" wahr genommen. Erst etwa ab den 1980er Jahren beschäftigte man sich im Westen wieder intensiver mit dem vielseitigen Dichter.


In Indien gehören seine Lieder zum allgemeinen Liedgut, auch Analphabeten kennen sie. Seine Dramen werden noch immer gespielt. Der Oscar-Preisträger und ehemalige Student des 'Kala-Bhavan, (Fakultät der Schönen Künste) in Santiniketan, Satyajit Ray (1921-1992), hat verschiedene Werke Rabindranath Tagores filmisch umgesetzt sowie einen Dokumentarfilm zu dessen Leben gemacht.

 

Umstritten war Tagore in Indien wegen seiner Kritik an der von ihm ebenfalls unterstützten Unabhängigkeitsbewegung. Sein hoher moralischer und intellektueller Anspruch an den Einzelnen, immer wieder die eigenen Motive und Handlungen zu reflektieren wurde nicht verstanden und als Verrat an der Sache empfunden.

 

Rabindranath Tagore in Deutschland

Einer Einladung von Hermann Graf Keyserling nach Darmstadt in die ‚Schule der Weisheit‘ folgte Rabindranath Tagore, als er im Mai 1920 erstmals Deutschland besuchte. Graf Keyserling war eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Weimarer Republik, ein ‚Philosoph‘, der jedoch die Philosophie, wie sie an den Universitäten gelehrt wurde, ablehnte. Zunächst der Theosophie nahestehend, später sich von ihr distanzierend, hatte er ganz ähnliche Ansichten wie Tagore, was Fragen der Bildung für die moderne Zeit und den interkulturellen und interreligiösen Dialog anging. Das wichtigste seiner zahlreichen Werke ist das ‚Reisetagebuch eines Philosophen‘,  in welchem er von seinen Eindrücken einer Weltreise schreibt, die ihn im Jahr 1914 nach Ceylon, Indien, China, Japan und Nordamerika geführt hatte. Auf dieser Reise hatte er auch Tagore kennen gelernt. Nach 1933 wurde er mit einem Rede-, Schreib- und Ausreiseverbot durch die Nazis belegt.


Tagore interessierte sich stark für die vielen reformpädagogischen Ansätze, die es in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gab. Bei seinem dritten Deutschlandbesuch wurde er in der 1910 gegründeten ‚Odenwaldschule‘ vom Gründer und Leiter Paul Geheeb empfangen. Auch dieser konnte seine Ideen unter den Nazis nicht weiter verfolgen und emigrierte 1934 in die Schweiz.


Den ersten Auftritt Tagores in Deutschland im Jahre 1920 kann man als ‚triumphal‘ bezeichnen. Seine bis dahin übersetzten Werke erreichten hohe Auflagen und er wurde zu Vorträgen und Lesungen herumgereicht. Die Begeisterung teilte jedoch nicht jeder, es gab scharfe Kritik: Teils war es die Art der „Vermarktung“, die abstieß, teils national-chauvinistische und rassistische Gründe,  teils aber stieß man sich auch an den Äußerungen Tagores selbst. Dieser sprach in seinen Vorträgen meist über philosophisch-religiöse Themen, über die Ost-West-Problematik und das gegenseitige Lernen voneinander und unterlag bei seinen Vergleichen oft auch Irrtümern und eigenen Vorurteilen. So geschah es, dass er sowohl bei den Begeisterten wie bei den Gegnern nur noch als ‚Philosoph‘ und ‚Heilsbringer‘ oder als ‚verweichlichter Guru‘, der dem Westen nichts zu sagen habe (bei den Nazis dann als ‚verkappter Jude‘ nach der Formel ‚Rabindra=Rabbi‘‚ nath=Nathan‘) wahrgenommen wurde. Darüber geriet sein literarisches Werk immer mehr in Vergessenheit.


‚Rabindranath through Western Eyes‘ ist eine lesenswerte Abhandlung über die Wirkung und über die Irrtümer von und über Rabindranath Tagore. Sie stammt von Alex Aronson, der von 1937 bis 1944 in Santiniketan lebte und als Englisch-Lektor an der Visva-Bharati Universität arbeitete. Sie wurde bereits 1943 publiziert und ist 1978 mit einem neuen Vorwort noch einmal gedruckt worden.