Karl Geiger - erster hauptamtlicher Bibliotheksdirektor der UB Tübingen

5. Mini-Ausstellung bis 15.5.2005

 

Portrait

Karl Wilhelm Geiger wurde am 13. März 1855 in Esslingen als Sohn eines Werkzeugmachers geboren. Nach seiner Gymnasialzeit ließ er sich von 1869-1873 am Seminar in Blaubeuren für den kirchlichen Beruf ausbilden. Die anschließenden Jahre bis 1877 gehörte er dem Tübinger Stift an, bereits ab 1873 war er Mitglied der Tübinger Studentischen Verbindung Normannia. Nach seinen Examina ging er zunächst als Vikar nach Gschwend, anschließend wirkte er als Repetent am Evangelisch-Theologischen Seminar in Urach. Geigers Lehrer in Blaubeuren, Karl Christian Planck, übte mit seinen philosophischen Schriften großen Einfluss auf ihn aus, ebenso später in Tübingen der Professor der Ästhetik Karl Köstlin. Schließlich promovierte Geiger zum Dr. phil., seine Promotion „Die Walpurgisnacht im ersten Theil von Göthes Faust“ wurde 1883 im „Korrespondenzblatt für die Gelehrten- und Realschulen“ abgedruckt.

 

In Urach lernte Geiger seine zukünftige Frau kennen, Sophie Kratz, die er am 21.11.1881 heiratete und mit der er in Tübingen einen eigenen Hausstand gründete. Von den sechs Kindern, die das Paar hatte, starb eines sehr früh, ein Sohn fiel im Ersten Weltkrieg. Die Familie Geiger pflegte einen sehr gastfreundlichen Lebensstil. In der Dienstwohnung auf dem Schloss und später im Haus auf dem Österberg fanden zahllose Abende mit Freunden statt, welche die offene, geistreiche und humorvolle Art des Hausherrn zu schätzen wussten. Geiger pflegte Kontakte zu Bibliothekaren im ganzen Land und war auf den gemeinsamen Versammlungen als Redner vertreten. Ab 1887 leitete er die Tübinger Ortsgruppe des Evangelischen Bundes und gründete kurz nach seinem Eintritt in den Ruhestand die Tübinger Ortsgruppe der Wilhelm-Raabe-Gesellschaft. Auch der Politik stand er nicht fern: als Verehrer Bismarcks schloss er sich der Deutschen, später der Nationalliberalen Partei an.

 

Nach drei Berufsjahren im Dienst der Kirche bewarb sich Geiger an der Universitätsbibliothek Tübingen um die neu errichtete dritte Bibliothekarsstelle, die ihm am 14. Juni 1881 übertragen wurde. Hier engagierte er sich „mit Hingabe“, so dass er schließlich 1895 die Nachfolge des Sanskritisten Rudolf von Roth als Bibliotheksvorstand übernahm. Zwei Monate später setzte das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens Geiger in die Funktion des Oberbibliothekars ein, ab 1919 führte er den Titel des Bibliotheksdirektors.

 

Am 21.11.1912 wurde ihm aus Anlass der Eröffnung der neuen Universitätsbibliothek das Ritterkreuz des Ordens der Württembergischen Krone verliehen.

 

Geiger war nicht nur ein gefragter Redner, er veröffentlichte auch zahlreiche Schriften; vor allem seine Schilderungen zur Geschichte der Universitätsbibliothek Tübingen sind wertvolle Quellen. Ein zentrales Werk seiner Schriften bildet seine Schilderung der Amtstätigkeit von Robert Mohl als Bibliothekar.

 

Geiger bat am 13. März 1920 um seine Versetzung in den Ruhestand, das Ministerium entsprach seiner Bitte und entließ ihn zum 1. Juli 1920 aus seinen Diensten.

 

Er starb am 29. Juni 1924 an Herzversagen. Zahlreiche Nachrufe würdigten als bleibendes Verdienst des Verstorbenen vor allem seine Erwerbungspolitik und seine Mitwirkung beim Neubau der Universitätsbibliothek.

Karl Geiger und seine Ernennung zum Oberbibliothekar

"Am 23. März 1895 bin ich in das Schwabenalter eingetreten. Ich weiß, dass ich diesen hochwichtigen Schritt mit möglichstem Ernst habe tun wollen. Dass es mir nicht ganz nach Wunsch gelungen ist, wisst Ihr auch. Aber ich habe es doch fertig gebracht, dass ich wenigstens in der Mitternachtsstunde des Tages, da ich die 40 auf den Rücken bekam, unter unserer Schlosslinde bei zauberhafter, bengalischer Streichholzbeleuchtung mit einem großen Hopf oder Hochsprung in mein 41. Lebensjahr und in die Aussicht, gescheid zu werden, hineinsprang.


Der volle Ernst des Lebens sollte nun beginnen. Aber recht bald sollte ich deutlich in allen Seelenwinkeln verspüren, dass die Schul- und Lehrzeit noch nicht zu Ende war, dass sie vielmehr für mich erst recht begann. – Am 23. Juni 1895 starb Professor Rudolf von Roth, der fast 40 Jahre an der Spitze der Universitätsbibliothek gestanden und mir 14 Jahre ein recht wohlwollender Vorgesetzter gewesen war.


Ich habe bis jetzt nicht den Versuch gemacht, das Dunkel, das für mich über meinem Vorrücken ins Oberbibliothekariat und an die Spitze der Bibliothek immer noch liegt, ein wenig aufzuhellen. Hätte mein alter Chef Roth selbst noch ein Wort über die Wahl seines Amtnachfolgers auszusprechen gehabt, so wäre ich es wohl schwerlich geworden. Nicht, dass er mich nicht gern gehabt und dass er mir nicht oft genug Zeichen seines Vertrauens und seines Wohlwollens gegeben hätte! Aber ich kann es mir gar nicht anders denken, als dass er dafür eingetreten wäre, wieder einen tüchtigen Professor, freilich einen, den auch er anerkannt und geschätzt hätte, im Nebenamt mit der Leitung der Bibliothek zu betrauen. [...]

 

Ich müsste aber lügen, wenn ich leugnen wollte, dass ich nach Roths Tod doch gelegentlich davon träumte: „Wie wärs, wenns käm?“ Aber deutlicher als die Eigenschaften, die mich zur Leitung der Bibliothek nicht ganz ungeeignet machten, erkannte ich die Mängel und Schwächen, die mir anhafteten. Auch wusste ich nach den 14 Jahren des Dienstes an der Bibliothek allmählich immer besser, wie wenig wir unter Roth zu guten Bibliothekaren geschult und erzogen worden waren. [...]

 

Am 22. September konnte die l[iebe]. Mutter den Großeltern in Esslingen endlich vermelden – ich will dieses Lebensdokument wörtlich in mein Erinnerungsblatt aufnehmen: „Da ich weiß, wie sehr Ihr nach einer Gewissheit betreffs unserer Stellung verlangt, will ich Euch mitteilen, dass wir in den letzten Tagen Näheres erfahren haben. Der Kanzler der Universität, Staatsrat von Weizsäcker, war im Auftrag des Ministers bei Karl, um bei ihm anzufragen, ob er die Stelle des Oberbibliothekars unter den vom Senat gestellten Bedingungen annehmen würde. Es wurde ihm dann mitgeteilt, dass er eine Gehaltserhöhung von 600 M erhalten soll und mit dem Titel „Oberbibliothekar“ auf der 7. Stufe der Rangordnung stehen werde. Karl hatte in Beziehung auf den Rang etwas mehr erwartet, denn da würde es ihm genügen, mit den Dekanen, Rektoren und außerordentlichen Professoren auf der gleichen Stufe zu stehen; er glaubt nur seines Instituts halber den Oberbibliothekaren anderer Länder gleichgestellt werden zu müssen. Doch erklärte ihm sowohl der Kanzler wie der Rektor der Universität, dass da mit der Zeit jedenfalls noch Änderungen gemacht werden: Und so erklärte sich Karl einverstanden. Morgen wird nun der Minister die Angelegenheit dem König vorlegen und so ist zu hoffen, dass im Laufe der nächsten Tage die Ernennung Karls kommt. Wir sind darüber recht glücklich...“.

 

In: Mein Amt als Oberbibliothekar im Spiegel meiner Briefe an Freund Hackenberg / Karl Geiger (Erinnerungsblätter 10). – Typoskr.-Dg., 1924. - Aus: Mn 28 (Nachlass Hans Widmann)

 

Die Amtszeit Karl Geigers (1895-1920)

In die Amtszeit Karl Geigers fiel als zentrales Ereignis 1912 der Bezug des neuen Bibliotheksgebäudes, der "Königlichen Bibliothek", heute unter dem Namen ihres Architekten allgemein als "Bonatzbau" bekannt.


Seit 1819 befand sich die Universitätsbibliothek Tübingen auf dem Schloss Hohentübingen. Die Unterbringung der Bibliothek war gekennzeichnet durch die permanente Brandgefahr, die räumliche Beengtheit, die weiten Wege zwischen Magazin und Verwaltung, den Mangel an Heizmöglichkeiten, den Verzicht auf künstliches Licht und durch die Lage abseits des neuen Universitätsviertels rings um die Neue Aula.


Durch den Umzug in den großzügigen, zentral gelegenen Bonatzbau an der Wilhelmstraße gehörten diese ungünstigen Konstellationen der Vergangenheit an.


Das attraktivere Raumangebot und der bessere Kundendienst wurden denn auch durch eine wachsende Benutzungsfrequenz honoriert. Besonders die Lesesaalausleihe ging sprunghaft in die Höhe, aber auch die Ortsleihe konnte einen Zuwachs verzeichnen.


Dass diese Entwicklung abrupt abbrach, ist dem Kriegsausbruch zuzuschreiben; mehr als drei Viertel aller Tübinger Studenten wurde an die Front geschickt. Nachdem die größere Zahl der Kriegsteilnehmer im Winter 1918/1919 zurückgekehrt war, wurde die Bibliothek wie nie zuvor in Anspruch genommen.

 

Auf dem Personalsektor brachte die Amtsperiode Geigers zum einen die status- und gehaltsmäßige Gleichstellung der Tübinger mit den Stuttgarter Bibliotheksbeamten, zum anderen eine beinahe dreifache Vermehrung der Personalstellen, die wesentlich im Rahmen des Neubaus und der Neukatalogisierung erfolgte.


Einen vergleichbaren Sprung hat es zwischen den Anfängen der Bibliothek und dem Zweiten Weltkrieg zu keiner anderen Zeit gegeben; erst die Entwicklung zur Massenuniversität sorgte für neue Maßstäbe im Personalbestand.

 

Auf dem Gebiete des Etats erreichte Geiger sowohl die Erhöhung der Eigeneinnahmen, indem er der Bibliothek neue Finanzquellen erschloss, als auch einen Anstieg des Staatszuschusses, wobei hier ebenfalls der Neubau für die größte Steigerungsrate sorgte. Der Literaturetat blieb aber dennoch zu klein, so dass Geiger viele Jahre nicht ohne Etatüberschreitung auskam. Trotzdem gelang es ihm durch die Heranziehung eines Stammes privater Gönner, durch den Austausch amtlicher Publikationen und durch den Ankauf ganzer Bibliotheken innerhalb von 25 Jahren den Bestand beinahe zu verdoppeln. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt konnte Geiger bereits die Bibliothek seines Vorgängers Rudolf von Roth (1821-1895) zu einem beträchtlichen Teil übernehmen: 900 Bände wurden gekauft, darunter alleine 439 Titel zur Indologie und Sanskritliteratur, einige indische Handschriften hatte von Roth der Bibliothek geschenkt.

 

Das neben der Eröffnung des Bonatzbaus folgenreichste Ereignis war der Arbeitsbeginn an einem neuen alphabetischen Katalog in Zettelform, der den alten, nur noch von Kennern zu benutzenden Bandkatalog ablösen sollte. Die der Neukatalogisierung des Altbestandes sowie der Katalogisierung der Neuerscheinungen seit 1913 zugrunde gelegten Katalogbestimmungen weichen in zentralen Punkten von den Preußischen Instruktionen ab. Sie gingen in die Bibliotheksgeschichte ein wie ihr Schöpfer Robert Gradmann.
In die Zeit Geigers fällt auch der Aufbau eines neuen Dissertationenkataloges in Zettelform sowie die Anlage einiger Spezialverzeichnisse, namentlich für Zeitschriftenbestände.