Missionsbibeln

4. Mini-Ausstellung vom 13.12.2004-28.5.2005

 

Bibelübersetzungen und Mission

Die Bibel ist das am häufigsten übersetzte Buch seit der Erfindung des Buchdrucks.


Bis zur Reformation wurde die Bibel in 33 Sprachen übersetzt. Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es die Bibel und Bibelteile bereits in 71 Sprachen. Allein im 19. Jahrhundert kamen Übersetzungen in weiteren 472 Sprachen hinzu. Dieser Aufschwung hing vor allem mit der Gründung und dem Wirken der meist protestantischen Missionsgesellschaften in Afrika und Asien zusammen.

 

 

 

1698 entstand in Großbritannien die „Society for Promoting Christian Knowledge“ (1701 die „Society for the Propagation of the Gospel in Foreign Parts”), 1795 wurde die London Missionary Society gegründet, 1836 die Commonwealth Missionary Society. 1706 begann die Missionstätigkeit der Dänisch-Halleschen Mission, 1732 die Arbeit der Herrnhuter Brüdergemeine. In der Schweiz entstand 1815 die Basler Missionsgesellschaft. Viele der ausgesandten Missionare betätigten sich als Übersetzer der Bibel oder Teilen davon in die jeweiligen Landes- und Stammessprachen.

 

 

 

Die Universitätsbibliothek Tübingen besitzt eine große Zahl von fremdsprachigen Bibelausgaben in z.T. entlegenen und „exotisch“ anmutenden Sprachen. Einige stammen aus dem Besitz des Indienmissionars, Indologen und Bibelübersetzers Hermann Gundert (1814-1893), dem Großvater Hermann Hesses. Andere tragen den Besitzvermerk des Orientalisten Theodor Nöldeke (1836-1930). Ein erneuter Aufschwung der Bibelübersetzung entstand schließlich im 20.Jahrhundert vor allem durch die 1934 einsetzende Arbeit der Wycliff-Bibelübersetzer, die immer noch andauert. Ende 2002 waren Bibel oder Bibelteile in 2.303 Sprachen übersetzt, die vollständige Bibel allein in 405 Sprachen. An der Spitze steht Afrika mit 647 Sprachen, gefolgt von Asien mit 573 Sprachen.


Im Hinblick darauf, dass es weltweit etwa 6.500 lebende Sprachen gibt, bleibt für die Übersetzer noch sehr viel zu tun. Neben der geistlich-theologischen Bedeutung einer Bibelübersetzung verdient ihr Beitrag für die kulturelle Identität einer Volksgruppe besondere Beachtung.

 

Missionare waren meist auch Sprachforscher

Von den zahlreichen Missionsgesellschaften, die im Zuge der Pietismusbewegung im 19. Jahrhundert gegründet wurden, steht vor allem die Basler Missions- und Bibelgesellschaft (gegründet 1815) in engem Zusammenhang mit der Universität Tübingen. Obwohl im schweizerischen Basel angesiedelt, kam die Mehrheit der Missionare aus württembergischen Pietistenkreisen; einige besuchten die evangelisch-theologischen Seminare und studierten am Tübinger Stift.


Schon frühere Indienmissionare wie Ziegenbalg (1682-1719) oder Carey (1761-1834) waren mit sprachlichen Arbeiten hervorgetreten. Durch die biblische Erneuerungsbewegung des Pietismus erhielt ein gründliches Studium der lokalen Sprachen und Dialekte eine zusätzliche Bedeutung: Da das Lesen der Bibel eine zentrale Rolle im Verständnis der Evangelikalen innehatte, wurde das Anfertigen von Bibelübersetzungen zum vorrangigen Ziel der Missionare. Damals fehlten jedoch Hilfsmittel wie Wörterbücher, Grammatiken und elementare Texte für die meisten außereuropäischen Sprachen völlig. In Indien stellten die Missionare sogenannte »Munschis« ein, um diese Sprachen zu erlernen, das sind einheimische Gelehrte, die in vielen Fällen auch bei publizistischen Arbeiten halfen.

 

 

Die literarische Tätigkeit war stark durch die missionarischen Interessen geprägt, so dass der Schwerpunkt auf Traktaten, Bibeltexten und anderen Erbauungsschriften lag. In Indien jedoch spielten die Missionare aber auch eine wichtige Rolle bei der Einführung von Tageszeitungen und Periodika, ebenso waren sie maßgeblich bei der Erstellung von Schulbüchern für die englischen und »indischen« Schulen beteiligt und haben – im Falle von Hermann Gundert – auch Volksliteratur gesammelt und teilweise erstmals aufgeschrieben. Liest man die unveröffentlichten Briefe und Berichte der Missionare, präsentiert sich eine Fülle ethnographischen Materials, das bisher nur unzureichend erschlossen und aufgearbeitet wurde. Die Pionierarbeiten, die sie im Bereich der Sprach- und Literaturwissenschaft leisteten sind teilweise bis heute von wichtigster wissenschaftlicher Bedeutung.

 

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