Kurt Gerstein (1905 - 1945) - Widerstand in SS-Uniform

Ausstellung vom Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen

 

vom 23.5.-28.6.2001

 

 

Kurt Gerstein ist einer der interessantesten und lange Zeit umstrittensten Gestalten des deutschen Widerstands in der NS-Zeit. Als überzeugter Christ und Mitglied der Bekennenden Kirche ging er bewußt in die SS, um Zeuge der NS-Verbrechen zu werden. Direkt konfrontiert mit der Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern, versuchte er, Kirchenführer und das Ausland davon zu informieren und Lieferungen des Zyklon-B-Gases zu sabotieren.

 

Der 1905 in Münster/Westfalen geborene Kurt Gerstein, seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP, protestierte offen gegen die Auflösung der evangelischen Jugendbünde durch die Nationalsozialisten und schloss sich der Bekennenden Kirche an. 1936 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen und kam zuerst 1936, erneut 1938 in Haft. 

 

Um den Staat Hitlers von innen bekämpfen zu können, trat er 1941 der Waffen-SS bei. Als Chef der Abteilung Gesundheitstechnik des Hygiene-Institutes der Waffen-SS war er auch mit der Beschaffung des Giftgases Zyklon B beauftragt und besichtigte im August 1942 die Vernichtungslager der "Aktion Reinhard". Gerstein wurde so Zeuge von Massenvergasungen und informierte ausländische Diplomaten sowie hohe Geistliche über die Verbrechen in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. 

 

Nach Kriegsende kam Kurt Gerstein unter bis heute ungeklärten Umständen in französischer Gefangenschaft ums Leben. Der von ihm noch in der Haft verfasste "Gerstein-Bericht" ist eine der wichtigsten Augenzeugenquellen über die Durchführung des Völkermordes an den europäischen Juden.

 

Die Ausstellung will sowohl den Weg dieses Mannes aus den Schülerbibelkreisen und der Bekennenden Kirche in die SS und Vernichtungslager nachzeichnen, als auch seine Versuche würdigen, über den Mord an den Juden Europas zu informieren. Seine sich selbst auferlegte Verpflichtung, über den Holocaust Zeugnis abzulegen, ist bis heute in ihrer Widersprüchlichkeit schwer zu verstehen. 

 

Kurt Gerstein im Gesamtspektrum des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus zu zeigen und sein Denken und Handeln einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, ist Ziel dieser Ausstellung, die im Landeskirchlichen Archiv Bielefeld unter der thematischen Verantwortung von Prof. Dr. Bernd Hey gemeinsam mit dem Förderkreis Kurt Gerstein erarbeitet worden ist.

 

Die Ausstellung ist bisher in Berlin (Gedenstätte Deutscher Widerstand), Münster, Hagen und Bielefeld mit großem Erfolg gezeigt worden. Auch Niederländer und Franzosen haben schon Interesse signalisiert. In Süddeutschland ist Tübingen die erste und bisher einzige Station.

 

Kurt Gerstein in Tübingen

Nach seinem Berufsverbot als Bergassessor kam Kurt Gerstein Ende 1936 zum Studium nach Tübingen. Eigentlich wollte er Theologie studieren, aufgrund von Problemen bei der Immatrikulation schrieb er sich dann für ein Medizinstudium ein.

 

Ab 1938 wechselte er ständig seine Aufenthaltsorte und war zuletzt vor allem in Berlin. Tübingen blieb aber ein Ruhepunkt in seinem Leben. Seine Frau lebte weiterhin in der Neckarstadt und seine drei Kinder wuchsen hier auf. Durch diese räumliche Distanz von seinen eigenen Aktivitäten wollte Kurt Gerstein seine Familie schützen für den Fall, daß sein Doppelleben entdeckt würde.

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