Eine Stadt des Buches

Tübingen 1498-1998

 

Ausstellung vom 29.3.-14.6.1998 im Stadtmuseum Tübingen

 

Nachdem im Jahre 1996 die Osiandersche Buchhandlung in Tübingen auf ihr 400jähriges Bestehen zurückblicken konnte, stehen 1998 in der Buchstadt Tübingen wiederum zwei bedeutsame Jubiläen an: Am 24. März 1498, also vor 500 Jahren, erschien das erste überhaupt in Tübingen gedruckte Buch, ein Kommentar des Franziskanerguardians Paulus Scriptoris zu den "Quaestiones" des Duns Scotus ("Lectura fratris pauli..."). Und vor 175 Jahren begründete Johann Immanuel Heckenhauer, ein ehemaliger Mitarbeiter bei Osiander, eine eigene Buchhandlung mit Antiquariat.

 

Die Buchhandlung Heckenhauer, die sich heute in sechster Generation im Besitz der Familie Sonnewald befindet, ist also unter den noch bestehenden traditionsreichen Tübinger Buchhandlungen die zweitälteste. In ihren derzeitigen Geschäftsräumen (Gebäude Lange Straße 2) begann der Tübinger Professor Erhard Cellius 1596 mit der Arbeit an einer eigenen Druckerpresse (auf seine Druckerei geht letztlich die Osiandersche Buchhandlung zurück). In den gleichen Räumen wurden die ersten Ausgaben der 1845 entstandenen "Tübinger Chronik" gedruckt.

 

Eng verknüpft mit der Geschichte der 1477 gegründeten Universität ist Tübingen seit 1498 zu einer Stadt der Buchdrucker, Buchbinder, Buchhändler und Verleger geworden. Die heutige Vielfalt von Tübinger Buchhandlungen und Verlagen ist zum Teil am Ort historisch gewachsen, zum Teil aber auch durch Verlagerungen und Neugründungen nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Tübingen mußte als Buchstadt aber auch einen großen Verlust hinnehmen: 1810 verlegte Johann Friedrich Cotta seinen berühmten Verlag nach Stuttgart und hinterließ am alten Stammsitz eine schmerzliche Lücke, hatte die Familie Cotta doch seit 1658 ununterbrochen in Tübingen gewirkt. In Stuttgart setzte sich der Ruhm des Hauses Cotta fort und verband sich dann später mit den ebenfalls traditionsreichen Namen Kröner und Klett. Noch heute zeugen die beiden schönen Cotta-Häuser am Tübinger Holzmarkt (Nr. 15 und 17) von diesem einstigen Glanz; seit einigen Jahren ist mit der Buchhandlung "Die Gruppe" hier wieder das Buchgewerbe ansässig.

 

Das diesjährige Jubiläum des Buchdrucks darf jedoch nicht vergessen machen, daß Tübingen im Vergleich mit anderen deutschen Städten erst sehr spät zu einem eigenen Buchdruck kam. Von 1477 bis 1498 mußten die Professoren der neu gegründeten Universität ihren Bedarf bei auswärtigen Druckern decken, z.B. in Reutlingen. Dort, in der benachbarten freien Reichsstadt, hatte der Buchdruck mit Michael Greyff bereits um 1476 begonnen. Noch heute besitzt die Reutlinger Stadtbibliothek wertvolle Frühdrucke aus dieser Zeit.

 

Ein anderer Reutlinger Drucker, Johann Otmar, über dessen Lebensumstände wir nahezu nichts wissen, ließ sich im Winter 1497/98 bewegen, nach Tübingen zu ziehen und hier mit dem Buchdruck zu beginnen. Leider währte sein Tübinger Aufenthalt nur kurze Zeit. Bereits 1501 siedelte er mit seinem Sohn Silvan nach Augsburg über, wo sich für ihn bessere Entfaltungsmöglichkeiten boten.

 

Erst nach zehn Jahren ließ sich in Tübingen wieder ein Buchdrucker nieder und zwar Thomas Anshelm, der vorher in Pforzheim gedruckt hatte. Nach seinem Wegzug nach Hagenau (1516) trat wiederum eine Unterbrechung des Tübinger Buchdrucks ein; erst mit der Ansiedlung von Ulrich Morhart d.Ä. im Jahre 1523 etablierte sich der Buchdruck hier endgültig.

 

Die Universität Tübingen besaß seit ihrer Gründung bis ins 19. Jahrhundert hinein ein eigenes Bürgerrecht und eine eigene Gerichtsbarkeit. Nach den Universitätsstatuten gehörten Buchbinder, Buchhändler und Buchdrucker zu den nicht akademisch gebildeten Bürgern, den sog. Universitätsverwandten, und unterstanden einer strengen Aufsicht. Ihre Zahl war genau festgelegt, um ein Auskommen dieser Betriebe zu ermöglichen und unerwünschte Konkurrenz fernzuhalten.

 

Autoren, Drucker und Buchhändler unterlagen der Zensur. Ohne vorherige Genehmigung durch die Universität durfte nichts gedruckt werden; der Handel mit aufrührerischen und sektiererischen Schriften war untersagt. Die Zensurbestimmungen dienten der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Erhaltung des inneren religiösen Friedens. Immer wieder gab es jedoch Verstöße gegen die Zensurbestimmungen, die z.T. streng geahndet wurden.

 

In den Anfängen des Buchdrucks waren die Funktionen des Verlegers, Buchdruckers und Buchhändlers noch nicht so deutlich ausgeprägt wie heute. Sie waren vielfältig miteinander vermischt. Erst allmählich bildete sich eine Spezialisierung heraus.

 

Bis ins 20. Jahrhundert kam und kommt es jedoch vor, daß Buchhandlungen wie Osiander, Pietzcker oder Heckenhauer auch Bücher verlegen. Ein eigentümlicher Zug der Tübinger Firmengeschichte ist es, daß die Betriebe teils direkt an die Nachkommen übergingen, teils aber auch durch Wiederverheiratung der Witwen ihrer Besitzer mit Mitarbeitern, die meist von außen kamen, neue Inhabernamen erhielten. Dies war z.B. der Fall bei Johann Georg (I.) Cotta, der 1659 die Witwe Brunn heiratete. Ein anderer Fall aus dem 19. Jahrhundert war Hermann Siebeck, der eine Tochter des Buchdruckers und Buchhändlers Jakob Heinrich Laupp heiratete. Hierdurch konnte die Kontinuität der Betriebe auf lange Zeit gesichert werden.

 

Erst nach Einführung der Gewerbefreiheit und Aufhebung des universitären Bürgerrechts in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte sich Buchdrucker, Verleger und Buchhändler auf einem freien Markt entfalten. Lange Zeit aber wurde vor allem der lokale Bedarf befriedigt, der zum allergrößten Teil mit dem der Universität identisch war. Autoren waren die Tübinger Professoren und sonstigen Lehrer der Hochschule. Doch wurden frühzeitig auch Werke von auswärtigen Autoren hier gedruckt. Vollends mit den weltumspannenden Aktivitäten des Hauses Cotta kam ein Zug von Internationalität in die Buchstadt Tübingen, als hier die Werke nahezu aller bedeutenden Größen des Geisteslebens der Klassik und Romantik verlegt wurden.

 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele tausend Werke in Tübingen gedruckt. Manche dieser Titel sind allerdings nicht einmal mehr in Tübinger Bibliotheken vorhanden, weil sie nicht als traditionelles Sammelgut einer wissenschaftlichen Bibliothek galten. Doch kann anhand der Bestände der Universitätsbibliothek ein guter Überblick über den Tübinger Buchmarkt von den ersten Anfängen bis 1945 gegeben werden. Dies soll in einer Ausstellung geschehen, die im April und Mai 1998 im Stadtmuseum Kornhaus gezeigt werden soll. Dazu erscheint ein Katalog, in dem in einzelnen Kapiteln die Geschichte der Buchstadt Tübingen dargestellt wird. In dieser Ausstellung soll aber auch die Tübinger Bibliotheksgeschichte nicht zu kurz kommen!

 

Bis zum Jahre 1635 befand sich auf dem Schloß Hohentübingen die äußerst wertvolle herzogliche Bibliothek, die vor allem von Herzog Christoph angelegt wurde. Sie umfaßte Handschriften und Drucke aller Fachgebiete überwiegend aus dem 16. Jahrhundert. Nach der Niederlage der protestantischen Seite in der Schlacht von Nördlingen (1634) kam es zu einer Besetzung der Herzogtums Württemberg durch Truppen der katholischen Liga. Aus Stuttgart wurden die Hofbibliothek, wertvolle Kunstgegenstände und Archivalien nach Wien verschleppt. Auch Tübingen wurde besetzt. Kurfürst Maximilian I. von Bayern, der durch den Einfall des Schwedenkönigs Gustav Adolf in München bedeutende Teile seiner Kunstkammer und Hofbibliothek verloren hatte, suchte nach einem Ersatz und wurde dabei bald fündig. Zunächst interessierte er sich für die Bibliotheca Palatina in Heidelberg, die er jedoch aus politischen Gründen dem Papst überließ. Sodann aber versuchte er, in den Besitz der Bibliothek auf Hohentübingen zu kommen, was nach längerem Hin und Her schließlich auch gelang. Seit 1635 befindet sich ein großer Teil dieser einstmals bedeutendsten Büchersammlung Tübingens in der Bayerischen Staatsbibliothek.

 

Anläßlich der Ausstellung im Kornhaus zum Tübinger Buchdruckjubiläum sollen erstmals etwa 60 Stücke aus dieser Bibliothek als Leihgabe der BSB München zu sehen sein, ein repräsentativer Querschnitt durch die verschiedenen Fachgebiete. Prof. Klaus Schreiner (Bielefeld) hat, eigene Forschungen aus den 70er Jahren aufgreifend, in einem umfangreichen Beitrag zum Katalog die Bedeutung, Entwicklungsgeschichte sowie die abenteuerlichen Umstände der Entführung der Tübinger Schloßbibliothek dargestellt.

 

Alle Buchinteressierten seien deshalb zum Besuch dieser Ausstellung im Stadtmuseum Kornhaus eingeladen. Näheres wird in der Presse bekanntgegeben werden. Ganz besonders für das nach München entführte Tübinger Beutegut aus dem Dreißigjährigen Krieg, aber auch für so manches andere Stück der Tübinger Buchgeschichte gilt der Satz des spätrömischen Grammatikers und Metrikers Terentianus Maurus aus dem Ende des 2. Jahrhunderts: "Habent sua fata libelli".