Zirkulation von Nachrichten und Waren: Stadtleben, Medien und Konsum im 19. Jahrhundert

6. November 2015 bis 6. Januar 2016

Universitätsbibliothek Tübingen, Bonatzbau (Wilhelmstraße 32, 72074 Tübingen)

Ausstellungseröffnung: Do, 5. November 2015, 18 Uhr

Öffnungszeiten: Mo bis Fr 8 -20 Uhr, Sa 10 -18 Uhr, sonntags geschlossen

Eintritt ist frei

 

 

Seit Oktober 2013 wird an der Universität Tübingen das Forschungsprojekt „Zirkulation von Nachrichten und Waren“ durchgeführt, an dem das Institut für Osteuropäische Geschichte und das Institut für Empirische Kulturwissenschaft gemeinsam wirken. Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) fördert die für zwei Jahre angelegte Projektarbeit im Rahmen des Förderprogramms für Universitäten 2012-2015 mit dem Schwerpunkt „Transfers, Verflechtungen, Netzwerke: Die Deutschen und ihre Nachbarn in Mittel und Osteuropa“. Wissenschaftliche Kooperationspartner des Projekts sind das Zentrum zur Erforschung deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa an der Universität Tübingen sowie das Münchener Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas.

 

Zum Abschluss der Projektlaufzeit präsentiert das Tübinger Projekt ab dem 5. November 2015 eine Ausstellung, die sich dem europäischen Stadtleben des 19. Jahrhunderts widmet und seine Medien und Konsumpraktiken beleuchtet. Wie das Forschungsprojekt „Zirkulation von Nachrichten und Waren“, befasst sich auch die gleichnamige Ausstellung mit der Etablierung einer neuen Öffentlichkeit in den urbanen Zentren Ostmitteleuropas und erhellt die Rolle der deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften in diesem Prozess. Denn die Kulturzeitungen des 19. Jahrhunderts trieben die Vermittlung neuer urbaner Lebensentwürfe europaweit entscheidend voran.

 

Die imperialen Metropolen London, Paris, Wien und Sankt Petersburg gaben nach 1800 die Maßstäbe für gesellschaftliches und kulturelles Leben städtischer Eliten vor. In einer produktiven Auseinandersetzung mit den Metropolenkulturen im Norden, Westen und Osten Europas entwickelten sich die aufstrebenden Städte in der Mitte Europas zu neuen urbanen Zentren. Über die so entstehenden neuen Lebenswelten berichteten Zeitungen und Zeitschriften ausführlich. Die periodisch erscheinenden Druckerzeugnisse waren damit maßgeblich an der Inszenierung einer neuen imaginären, grenzüberschreitenden Gemeinschaft beteiligt.

 

Die Vielfalt des städtischen Lebens in Prag und Budapest, Wien, London und St. Petersburg wird in der Ausstellung pointiert dargestellt und entlang folgender Schwerpunkte einem breiten Publikum näher gebracht: „Eleganz & Elend“, „Frau & Mann“, „Glück & Unglück“, „Nähe & Ferne“, „Gestern & Morgen“, „Mensch & Tier“.

 

Diese sechs Ausstellungsabteilungen wurden von den Doktoranden und Studierenden der Universität Tübingen kuratiert. Zur Vorbereitung der Ausstellung fand unter der Leitung der Projektmitarbeiter im Sommersemester 2015 ein Seminar statt. Diese fächerübergreifende Lehrveranstaltung richtete sich an die Studierenden sowohl der Kulturwissenschaft als auch der Geschichte. Das Ergebnis der Diskussionen und Überlegungen der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer kann nun in der Ausstellung betrachtet werden.

 

 

 

In den einzelnen Abteilungen werden signifikante Praktiken und Medien des Konsums wie Kaffeehaus- und Konzertbesuch, Werbung und Anzeigen thematisiert. An einzelnen Beispielen werden die markanten städtebaulichen Entwicklungen, wie Prachtstraßen und Mietskasernen, erläutert. Auch die technischen Phänomene der Zeit - Dampfschifffahrt, Brückenbau und unterirdische Eisenbahn (Metro) - werden exemplarisch vorgestellt, und die Folgen der neuen Transportformen für die Reisekultur im Text und Bild präsentiert. Denn nicht zuletzt beförderten die „bunten Bilder“ europäischer Städte, die dank der Zeitungskorrespondenten und Reiseschriftsteller europaweit zirkulierten, die Herausbildung der neuen Vorstellungen vom Fremden und vom Eigenen. Auch die neuen optischen Medien wie das Panorama dienten imaginären Reisen durch Raum und Zeit. Im Bereich des gesellschaftlich Imaginären, das allerdings für den städtischen Alltag und die europäischen Gesellschaften konkrete, tiefschneidende, Konsequenzen hatte, lagen auch die Rollenbilder von Mann und Frau, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts als neue Ideale entstanden, sich verfestigten und schon bald Widerstände hervorriefen. Nicht weniger nachhaltig veränderte sich in dieser Zeit das Verhältnis von Menschen zu Tieren, eine Entwicklung, die sich unter anderem im Verschwinden der Pferde und Schweine aus dem Stadtbild und im Aufkommen von Tierschutzbewegungen äußerte.

 

Bei allen diesen Themen schwingt im Hintergrund immer die Frage mit, auf welche Weise die Kulturzeitungen als Vermittler der neuen Formen von Konsum und Unterhaltung zur Modernisierung der städtischen Lebenswelten im 19. Jahrhundert beitrugen.

 

Die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung werden auf großformatigen Texttafeln vorgestellt und mit zahlreichen Objekten zum Leben erweckt. Die Exponate der Ausstellung stammen aus den Sammlungen der Universitätsbibliothek Tübingen, des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm, des Tübinger Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde und des Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaft.

 

Die Ausstellung wird bis zum 6. Januar 2016 in den Räumen der Universitätsbibliothek zu sehen sein: Sie breitetet sich im Foyer des Bonatzbaus der Alten Universitätsbibliothek aus und umfasst weitere Stationen im Obergeschoss des Neubaus: „Portal“ bei der Infotheke und „Leseecke“ vor der Ammerbrücke. Auf Anfrage werden Führungen angeboten. Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Begleitpublikation mit wissenschaftlichen Beiträgen und studentischen Essays, die als eine Open Access-Publikation im Verlag der Universitätsbibliothek Tübingen (TOBIAS-lib) digital verfügbar sein wird.

 

Homepage des BKM-Projekts „Zirkulation von Nachrichten und Waren. Zum Transfer moderner urbaner Lebensformen in der deutschsprachigen belletristischen Presse in Böhmen und Ungarn, 1815 – 1848“

 

 

BKM-Projektgruppe:

Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde:

Dr. Anna Ananieva, Prof. Dr. Klaus Gestwa, Dr. Rolf Haaser

Mate Eichenseher M.A., Frank Bauer M.A., Julian Windmöller, Johanna Heisig

Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft:

Prof. Dr. Reinhard Johler

 

Pressekontakt und Anfragen für die Führungen:

Frank Bauer

Universität Tübingen

Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde

Wilhelmstraße 36

D - 72074 Tübingen

E-Mail: frank.bauer[at]uni-tuebingen.de