Germanistik und germanistische Literatur in Tübingen

Die Germanistik gibt es als Fach erst ab dem 19. Jahrhundert, einhergehend mit der wachsenden Aufmerksamkeit für die nationale Kultur. Andernorts gibt es auch vorher schon Lehrstühle für deutsche Beredsamkeit und Poeterey; in Tübingen ist, wer sich für derlei interessiert, an die Rhetorik (ein Lehrstuhl wird bald nach Gründung der Universität 1477 eingerichtet) und die Klassischen Philologien verwiesen. Praktische Übungen in der deutschen Sprache, manchmal auch literarische Betrachtungen finden sich in dort, Lehrveranstaltungen gibt es schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts.

 

Der erste Lehrstuhl - einer der ersten in Deutschland überhaupt - wird 1811 für Salomo Michaelis eingerichtet, der ihn 1817 aufgibt, um sich der Politik widmen zu können.

Nächster außerordentlicher Professor für deutsche Sprache und Literatur wird erst 1829 der Dichter Ludwig Uhland, der ebenfalls recht bald aus politischen Gründen die Universität wieder verlässt, nämlich 1833, nachdem ihm der König den für seinen Eintritt in die Ständeversammlung benötigten Urlaub verweigert.

1841 wird dann Heinrich Adalbert von Keller berufen, der als Oberbibliothekar auch Spuren in der Geschichte der UB hinterlassen hat. Keller leitet ab 1849 den Literarischen Verein in Stuttgart, in dessen Verlag auch seine vielen Editionen publiziert sind, so z.B. Das deutsche Heldenbuch (Signatur: Kc 87-87).

Heute noch bekanntester Gelehrter des Faches im 19. Jahrhundert dürfte Friedrich Theodor Vischer gewesen sein; er beschert mit einem Plädoyer für den Pantheismus in seiner Akademischen Rede zum Antritte des Ordinariats (AT 89/90) im November 1844 der Universität einen regelrechten Skandal.

 

Übrigens wird 1867 das Seminar für neuere Sprachen gegründet, mit einem Ordinariat und dem Schwerpunkt Altgermanistik/Sprachwissenschaft. Dort pflegt seit 1888 Hermann Fischer unter anderem mit dem Schwäbischen Wörterbuch (germ B 512 / CK XI 104.4) die Mundartforschung, die ab 1921 weiter von Karl Bohnenberger betrieben wird. Für dessen Berufung hatten sich die Studenten stark gemacht, sie werden prompt für ihre Einmischung vom Dekan gerügt.

Ebenfalls 1921 wird erstmals in Tübingen ein literaturhistorischer Lehrstuhl eingerichtet - so erhält das Deutsche Seminar als eines der letzten in Deutschland den zweiten Lehrstuhl!

 

Als 1940 auf einer Tagung in Weimar das Sammelwerk Von deutscher Art in Sprache und Dichtung (4 A 9935) als Hauptbeitrag der deutschen Germanistik zum Krieg beschlossen wird, beteiligt sich auch Paul Kluckhohn vom Deutschen Seminar der Universität daran. Nach 1945 erwirbt Friedrich Beißner der Tübinger Germanistik neuen Ruhm mit seiner Historisch-Kritischen Großen Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe (in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Hölderlin-Archiv).

 

Weitere Informationen:

  • Ursula Burkhardt, Germanistik in Südwestdeutschland, Diss. Tübingen 1975 (UB signatur: Us 76.9065)
  • Jost Hermand, Geschichte der Germanistik, 1994 (UB Signatur: 34 A 17729)

 

Der Altbestand an germanistischer Literatur

 

Ein schönes Beispiel für eine ältere Grammatik stellt das Handbüchlin gruntlichs berichts recht vnd [und] wolschrybens der Orthographie vnd [und] Gramatic des Johann Heliam Meichssner von 1538 dar, gedruckt in Tübingen (Signatur Ho 1.4; ausleihbarer Reprint: 16 A 12331).

Belletristische Werke deutscher Sprache sind im Bestand der UB seit ihrem Bestehen gut vertreten; so z.B. die Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung des Johann Fischart (1590) oder die Lieder des Hans Sachs.

 

Im 17. Jahrhundert steht Grimmelshausens Abentheurlicher Simplicissimus (in der verbesserten Auflage von 1669, Dk XI 461a) friedlich neben dem Bäurischen Macchiavellus (Dk XI 92e) des Christian Weise, der Cleopatra (1661, Dk XI 30 bc) des Daniel Caspar von Lohenstein oder den Schriften von Christian Hofmann von Hofmannswaldau und Christian Thomasius.

 

Im 18. Jahrhundert findet nicht nur die Literatur der Aufklärung und deren Poetik, etwa Bodmers und Breitingers Critische Abhandlung von der Natur, den Absichten und dem Gebrauche der Gleichnisse (1740, Dh 163), in die Bibliothek, sondern auch die Musenalmanachseligen und Klopstockbegeisterten Göttinger Hainis. Der Göttinger Musenalmanach von Karl Reinhard und Heinrich Christian Boie (1770ff., Dk XI 147) ist einer aus der Tübinger Sammlung.

Auch aus dem Sturm und Drang besitzt die UB einige Originalausgaben, so z.B. Friedrich Maximilian Klinger’s Theater (Dk XI 1552c), die von ihm selbst 1786 besorgte vierbändige Ausgabe seiner Dramen; im zweiten Band das berühmte Sturm und Drang. Erwähnenswert ist zudem die 45 Stück umfassende Robinsonaden-Sammlung, darunter Campes Robinson der Jüngere (1781, Ah I 40b), und die 180 Stück umfassende Liederbücher-Sammlung.

 

Deutlich an Umfang gewinnt der Bestand im 19. Jahrhundert. Die UB profitiert dabei von der Nähe des Cotta-Verlags. Beispiele sind Kleists Penthesilea. Ein Trauerspiel (1808, Dk XI 814 c) oder Hölderlins von Uhland und Schwab herausgegebene Sammlung Gedichte (1826, Dk XI 501b). Gesammelt werden schwäbische Dichter wie Annette von Droste-Hülshoff (Gedichte, 1844, Dk XI 633) oder Eduard Mörike (Gedichte, 1838, Dk XI 904 u.ö.).

Sieht man von diesen ab, wurden zeitgenössische Autoren vor allem dann erworben, wenn sie durch eine Werkausgabe geadelt worden sind. Dieses Erwerbungsprinzip hat sich bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts durchgehalten.

 

Eine Frucht des Interesses für die Nationalkultur sind die vielen Editionen frühneuhochdeutscher und mittelhochdeutscher Literatur der Zeit, die in umfänglichem Maße in der UB vorhanden sind.

 

Weitere Informationen:

  • Handbuch der Historischen Buchbestände, Bd. 9: Baden-Württemberg und Saarland, T-Z (Historischer Lesesaal, bibl C 340)
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